Kaleidoskope

Vor fünf Jahren habe ich auf einem still gelegten Bahnhof in Mar Mikhael unter Sternen getanzt und war für ein paar Stunden schwerelos, was in diesem Körper und in dieser Stadt schon etwas heißt. Nach kurzer Nacht- oder eher Morgenruhe ging ich dorthin zurück, weil, was war das denn und kann das bitte schnell wieder passieren (auch so dumm und so menschlich, dass nur gut ist was bleibt und reproduziert werden kann), jedenfalls standen dort zwei Soldaten mit Maschinengewehren, zu müde um Stress zu schieben aber dennoch gar nicht mal so angetan von dieser blassen Braut. Sorry, heute erster kotzfreier Tag nach Sonnenstich, nächstes Mal komm ich im DEZEMBER.

Beirut ist ein Kaleidoskop voller Widersprüche, die allesamt zu 150% gefühlt werden MÜSSEN, und zwar JETZT, die vielleicht größte Projektionsfläche meines Lebens. Verbrannte Erde zusammenkehren können wir wenn wir tot sind, wer weiß, wie viel oder wenig Zeit uns bis dahin bleibt. Aber irgendwann hat es sich ausgefunkelt, temporär oder fünf Jahre lang, irgendwann heißt das Kaleidoskop nur noch Chaos und all I want is a Vollautomatisches Putzsystem von Leifheit, nen Roboter. Ja, das war selbstverständlich ein SCHERZ, ich finde Miele auch besser.

Fünf Jahre sind verdammt lange und natürlich stimmt das nicht. Aber auch wenn Zeit die Angewohnheit hat, überproportional viel kaputt zu machen und nur manches wieder halbherzig zusammenzukleben, ist das Kribbeln im Magen auf dem Rollfeld des Rafic Hariri Flughafens noch da. Ich finde, das ist ein Anfang.

Diese Zeilen habe ich um drei Uhr morgens auf der Landebahn in Beirut geschrieben, gerade frisch aus Berlin eingestolpert. Die Monate zuvor waren turbulent, aber wann waren sie das nicht, und ich so was von bereit, mich vom Libanon genauso einlullen zu lassen wie damals nach der Uni. Verschuldet, orientierungslos und unfassbar hungrig nach allem. Ein paar Tage später fühlte es sich so an, als sei ich aus den Worten herausgewachsen, aber ganz kurz war alles genauso wirr und intensiv und laut wie es da steht.

Jedenfalls habe ich während dieser letzten Reise, die aus Techno, Büchern, Meer und Bergen bestand, vielleicht zum ersten Mal wirklich verstanden, wie viel man von sich selbst mit auf Reisen nimmt (alles) und sein Innenleben auf das Draußen projiziert (immer). Dieses Mal hatte ich nicht nichts auf dem Konto, ein Bett und dreißig lebende Zimmerpflanzen in Berlin und das Urvertrauen, dass das Beste, oder jedenfalls viel gutes bevorstehen würde. Ich hatte nicht das Bedürfnis, alles verstehen und erklären zu müssen. Ich habe die Widersprüche gesehen und stehen lassen. Ich war zum ersten Mal in Tripoli und habe Nüsse auf dem Markt gekauft, mich für frischen Fisch am Strand in Batroun über den Tisch ziehen lassen, mir ein Kloster in den Bergen angeschaut und war dem Christentum kurz milde, wenigstens aber nostalgisch gestimmt. Während die Menschen auf der Straße pausenlos hupten und schrien, war ich so ruhig wie lange nicht mehr. Ganz anders als letztes Mal, aber genauso schön.