November

Manchmal ist Trauer wie eine Schneelawine, gegen die kein Aufbäumen hilft, die auch dann nicht vor Langeweile zusammenfällt, wenn man sich den dritten Monat in Folge in den Schlaf geheult hat. Anders als bei einer richtigen Lawine lebt man danach immer noch. Eine bodenlose Frechheit, finde ich.

Es wird sehr lange nicht „besser“ oder „einfacher“, die Zeit macht gar nichts, außer in immer unregelmäßigeren Abständen Momente aus dem Ärmel zu schütteln, in denen der Mensch fehlt, der nie fragen musste und trotzdem verstand. Der Durchschnittsdeutsche lebt auf 43m2, meiner Trauer gehören gerade 80m2. Dekadente Bratze, ich weiß. Oft will sie auch raus an die Luft, dann lässt sie sich in meinem Fahrradkorb durch Berlin fahren, tropft auf die Tastatur oder nimmt den Barhocker neben meinem und kaut mir die ganze Nacht in alter ADHS-Manier das Ohr ab.

Manchmal kommt es dazu auch gar nicht. Manchmal ist mein Körper eine einzige offene Wunde, manchmal bin ich felsenfest davon überzeugt, ich würde jeden Moment in mir selbst ersaufen oder vor Gefühlen ersticken. Manchmal kommt das, was du so lange unterdrückt hast, auf einen Schwall nach oben und zerbombt dein ganzes Leben. Manchmal braucht meine Trauer eine ordentliche Gehirnerschütterung und eine Nacht in der Notaufnahme, oder eine Millisekunde, die darüber entscheidet, dass die Tram uns beide doch nicht über den Haufen fährt. Und manchmal legt sich im dunkelsten und tiefsten Abgrund ein Schalter um.

Wer bin ich, wenn alles weg ist und nichts mehr funktioniert? Was bleibt übrig? Ich kenne die Antwort darauf nicht, aber ich weiß jetzt, dass sie gut genug ist. Irgendwie haben Abgründe es ja so an sich, dass man unbesiegbar wird, wenn man es einmal rausgeschafft hat.

Und danach geht es um kleine Babyschritte. Darum, einen kleinen Schritt zurückzumachen, den ollen Körper einfach liegen zu lassen, der wird sich schon regen wenn er Durst hat, und ein Mindestmaß an Distanz zur Trauer und dem restlichen Gefühlsmolotowcocktail aufzubauen. Dieser Schritt zurück bedeutet die Welt und je mehr Schritte man macht, desto besser erkennt man die Wellen, die von Anfang an da waren. Die Wellen sind mal groß und mal klein, mal ist alles dunkel und mal brennt die Sonne dir Sommersprossen dahin, wo vor ein paar Stunden noch Tränensäcke waren. Und dann tut manchmal immer noch alles weh, aber irgendwie ist es ein tröstlicher, ehrlicher Schmerz, der mit ganz viel Geduld und noch mehr nervigen ADHS-Abenden zu Dankbarkeit werden kann. Ich glaube, dass man sich an manche Wellen auch anlehnen kann.

Wenn ich genügend Schritte zurückgehe, dann sehe ich die Ebbe und die Flut und den hellblauen, rosaroten, tiefschwarzen Scheißhimmel und irgendwo dazwischen dich und mich. Und wenn dann kurz die Sonne scheint und innendrin alles still ist, dann sieht es manchmal so aus als würden wir nebeneinander schwimmen, obwohl unsere Universen Lichtjahre voneinander entfernt sind.

„Nicht nichts
ohne dich
aber nicht mehr viel“
(Ehrenmann Erich Fried, aus Sarah Kuttners neuem Buch geklaut)