Von bunter Wäsche, starkem Kaffee und Seite Drei. #refugeeswelcome

Vor drei Wochen wurde es in meiner Wohnung auf einmal ein bisschen lebendiger. Gardinenstangen, Spiegel und Bilderrahmen brachten sich von selbst an und auf einmal gabs statt Tiefkühlpizza richtiges Essen (meistens Suppe mit irgendetwas undefinierbarem, voll dekadent). Vor drei Wochen sind Emin und Nouri bei mir eingezogen. Ich wachte eines Morgens auf (die großen Erkenntnisse kommen meistens um Punkt 7 und fordern sofortiges Handeln) und es erschien mir grundfalsch und grundabsurd und grundbeschissen, dass diese doch ziemlich große Wohnung den halben, aber meistens den ganzen Tag leersteht, während Menschen in meinem Alter vor dem LaGeSo auf Bürgersteigen und in Parks schlafen. Das darf nicht sein. 

Zum Glück gibts Mareice von Kreuzberg Hilft oder Jule von im gegenteil, die selbst seit ziemlich langer Zeit nicht mehr in ihrem eigenen Bett geschlafen hat und Tag und Nacht unterwegs ist, um Bananen, Umarmungen und Hoffnung zu verteilen. Ein paar Tage nach dieser morgendlichen Erkenntnis also saß Jule dann an meinem Küchentisch und hatte einen Buben dabei. Sein bester Freund war temporär verschollen, und wir versuchten alle uns keine Sorgen zu machen. Denn wer es aus Tunesien oder Ägypten bis nach Europa schafft, der wird doch wohl leichtes Spiel mit diesem Deutschland haben.

Emin taucht dann tatsächlich und mitten in der Nacht auf. Am nächsten Morgen gibt es viel zu starken Kaffee, pfui, ich bin ganz durch den Wind, aber vor allem wird nebenan wahnsinnig friedlich ein- und ausgeatmet. Wisst ihr eigentlich, wie schön das ist? Ein, Aus, Ein, Aus. Durch die dünnen Altbauwände höre ich jeden Atemzug, in jeder anderen Situation wäre das ziemlich gruselig. Heute nicht. #startyourdayright

Abends gehen wir einkaufen, für Risotto reichen meine Meisterkochgene, puh. Als wir die Haustür aufschließen, zeigt Nouri auf die Salami und fragt: “Is that Schwein!?” Ich blicke die Sache mit dem Glauben und diesem Schweinefleisch fünf Sekunden lang echt nicht, dann macht es klick und ich lache, und Nouri lacht, und der Reis und die Nudeln und das ganze Zeug purzelt auf die Straße. Am nächsten Tag lachen wir immer noch als ich aus Versehen Tomatensoße mit Schwein mitbringe. Hups. Ain’t no Schwein for us today.

Einmal schickt Nouri mir mitten in einer nicht unwichtigen Konferenz eine Nachricht mit den Worten “I left a window open today, sorry”. Diese offenen Fenster in Kombination mit unserer Erdgeschossbutze sind gerade ein ziemlich wunder Punkt, deswegen springe ich innerlich sofort auf und schwinge mich aufs Fahrrad um den Einbruch, der ganz sicher in der Zwischenzeit stattfand, schnell der Polizei zu melden. Nach meinem wiederholten “AHHHHHH” und “NOOO” schreibt Nouri “Hahaha, just kidding”. Jaja. Voll lustich, du Schlingel.

All colours

Manchmal kochen wir mit Freunden oder gehen zu Konzerten. In der U-Bahn schimpfen wir dann gespielt erbost auf Arabisch, Französisch oder Deutsch und lachen uns schlapp über die empörten Gesichter. Yalla, stellt euch mal nicht so an! Der Spiegel im Badezimmer läuft, äh, hängt auf einmal und die ganzen Bilderrahmen mit den schwarz-weiß Aufnahmen von Sebastiao Salgado oder Kate Moss oder von meinen Lieblingsmenschen, den süßen Grinsekatzen, die hängen kerzengerade. Als Nouri mal die Wäsche wäscht, “All colours Caro, all colours!”, jaja, dann heißt all colours irgendwie auch weiße Blusen mit schwarzen Jeans, welch gelungene Symbiose. Deshalb halte ich abends meine einzige weiße, oder einzige graumelierte Bluse in der Hand. Yalla, stell dich mal nicht so an!

“You have too much homework,” sagt Nouri immer so um 19 oder 20 Uhr wenn ich heimkomme und als erstes den Laptop aufklappe. Er versteht nicht so ganz, weshalb dieses viereckige Ding so rumstresst – und ich verstehs auch nicht. Scheiß Homework.

Als wir eines Abends durch den strömenden Regen nach Hause rennen, gibt mein Handy mal wieder den Geist auf. Regen findet es nicht so doll, schade eigentlich. Nouri weiß Rat. Factory Reset, zackzack. Dann blinkt es wieder. “Caro, I’ve fixed your phone!” Er strahlt. Ich strahle. Zackzack, da waren alle Daten weg. “I just wanted to help.” Er konnte deshalb die ganze Nacht nicht schlafen, erzählt er später. “Really I’m sorry, I thought I could fix it.” Ja, ich weiß. Scheiße. Zwischendurch bin ich mit den Nerven am Ende, das liegt aber nicht an den zwei Jungs, sondern an dem ganzen Drumherum. Trotzdem habe ich nicht den Hauch einer Berechtigung so zu fühlen, denn man muss sich ja nur mal eine halbe Stunde vors LaGeSo stellen, da wird einem diese beschissene Unverhältnismäßigkeit bewusst. Diesen fahlen Beigeschmack kriegt man im Gegensatz zu so viel anderem irgendwie auch nicht weggetrunken.

Der Krieg auf Seite 3

Wir reden nicht über den Krieg. Die Tageszeitung liest Emin aber gern und oft. Er versteht fast alles, sogar den Sportteil, da ist er mir ziemlich weit voraus. Seite Drei der Süddeutschen ist voll Themen mit denen er sich viel zu gut auskennt. Es wird so viel über Politik diskutiert, über Strategien, über die Rolle der EU, und hier, heute, jetzt, an diesem Küchentisch, da fühlt sich das Thema nicht politisch an, sondern menschlich, oder halt unmenschlich, und da reichen politische Maßnahmen, Selfies, Reden nicht. Ab und zu verschwindet Emin wieder. Jule sagt dann zwar, alles sei ok, er hänge nur bei Freunden ab. Sorgen mache ich mir trotzdem. Wenn er da ist, ist er in letzter Zeit oft traurig. Ich kann mir nicht vorstellen wie es ist, jeden Tag sinnlos auf dem Amt darauf zu warten, dass eine blöde Nummer gezogen wird. Und das, obwohl er eigentlich hochkomplizierte Softwareprobleme lösen und bunte Sachen programmieren kann. Ab jetzt wird sich nie wieder über die Schlange am Bürgeramt oder an der Kasse beschwert, versprochen.

Gerade hab ich die beiden zu einer Freundin gebracht, in deren WG für einige Wochen ein Zimmer frei ist. Was danach passiert, weiß ich nicht, wissen sie nicht, wissen wir nicht. In der U-Bahn auf dem Rückweg gab es dann keine arabischen oder französischen Flüche, sondern eimerweise Krokodilstränen. Die flossen schon als ich sie zum Abschied umarmte und die fließen auch jetzt gerade auf die Tastatur dieses blöden, viereckigen Dings. Nouri schickt mir Fotos von Kuscheltieren und findet das zum Schreien komisch.

Seine Monsterfüße haben meine Zebrahausschuhe ziemlich ausgeleiert. Er soll sie doch behalten, sagte ich. “Keep them for when I come back”, grinst Nouri. Am Wochenende Dinner mit ohne Schwein, eurer komischen Suppe und türkischem Kaffee, ja? It’s on boys. Und danke. ❤

6 responses to Von bunter Wäsche, starkem Kaffee und Seite Drei. #refugeeswelcome

  1. Jule

    I hear ya, girl. I hear ya. Es fällt einem so wahnsinnig schwer, diese Jungs ziehen zu lassen, aber man hat Momente erlebt, die für immer bleiben. Da bin ich mir sicher und dafür bin ich dankbar.

    Danke, dass du uns damals gefühlt mitten in der Nacht die Tür geöffnet hast. Und sorry für die Daten auf dem Handy. 🙂

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